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ALUMINIUM 2020 13. Weltmesse & Kongress
6. – 8. Oktober 2020
Messe Düsseldorf

Aluminiummärkte: Sanktionen gefährden Versorgungssicherheit

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Die Diskussion um Zölle der USA bei Aluminium- und Stahlimporten sowie vor allem die Sanktionen gegen russische Unternehmen wie den russischen Aluminiumkonzern Rusal sorgen für reichlich Unruhe an den globalen Metallmärkten. Seit die USA die Sanktionen Anfang April verkündeten, steigen die Aluminiumpreise an den westlichen Metallbörsen und die Sorgen über mögliche Versorgungsengpässe am Aluminiummarkt nehmen zu.

Amerikanische Unternehmen dürfen derzeit kein Material an den russischen Konzern liefern und auch nicht bei ihm einkaufen. „Der Markt wird momentan von unübersichtlichen Zuständen geprägt. Wir können kaum absehen, wie sich die Situation in Europa entwickelt“, kommentieren Einkäufer aus Deutschland die derzeit chaotische Lage. Alle Hersteller sind auf der Jagd und kaufen weltweit ein, um die eigenen Produktionslinien für Primäraluminium weiter in Betrieb zu halten.

Preis für Tonerde ist seit Anfang April um 26 Prozent gestiegen

Das hat Auswirkungen auf die Aluminiumpreise, die seit Wochen nur den Weg nach oben kennen, und mittlerweile ein Sechs-Jahres-Hoch erreicht haben. Zudem steigen die Börsenkurse vor allem von US-Aluminiumproduzenten wie Alcoa. An der London Metal Exchange LME hat der Preis je Tonne Primäraluminium die Hürde von 2.500 US$ glatt überschritten und liegt aktuell mit 2.537 US-Dollar weit über dem jüngsten Fünfjahres-Hoch von 2.290,50 US-Dollar je Tonne Primäraluminium im Dezember 2017. Der Preis für Tonerde ist seit Anfang April um 26 Prozent gestiegen und nähert sich seinem Rekordhoch von 2006.

Alcoa ist der größte US-Aluminiumkonzern und hat im ersten Quartal 2018 zwar im Vergleich zum Vorjahr mit Minus drei Prozent etwas weniger verdient. Aber der Kurs stieg trotzdem unmittelbar nach Bekanntgabe der Quartalszahlen um 4,1 Prozent. Dass Alcoa gleichzeitig die Prognose für das laufende Geschäftsjahr nach oben revidierte, unterstützt den Aufwärtstrend noch. Für 2018 erwartet Alcoa inzwischen ein globales Defizit sowohl bei Aluminium wie Tonerde und entsprechend stark steigende Preise. 2017 hatte der US-Konzern für 2018 noch mit einem ausgeglichenen Aluminium-Markt gerechnet – jetzt sagen die Auguren in Pittsburgh global ein Defizit von mehr als einer Million Tonnen voraus.

Denn der von den Sanktionen betroffene Rusal-Konzern ist nicht nur ein bedeutender Aluminiumlieferant, sondern in der gesamten Kette von der Rohstoffbeschaffung bis hin zur Hütte auch eng mit anderen - westlichen - Partnern verbunden. Rio Tinto zum Beispiel, der große australisch-britische Rohstoffkonzern, produziert bisher Tonerde überwiegend in einem Joint Venture mit Rusal. Zwar gehören nur 20 Prozent an der großen Tonerde-Raffinerie in Queensland zu Rusal und 80 Prozent Rio Tinto, aber daraus resultieren sehr viel engere Beziehungen zwischen beiden Konzernen. Wegen der Sanktionen sah sich Rio Tinto gezwungen, Force Majeure, höhere Gewalt zu erklären. Das schließt auch den Stopp der Lieferungen von Bauxit ein, mit denen Rio Tinto bisher die vor Jahren an Rusal verkaufte Raffinerie Aughinish im irischen Limerick versorgt hat.
Aughinish ist eine Aluminiumoxidfabrik zu 100 Prozent im Eigentum von Rusal, womit das Unternehmen komplett sanktioniert wird. Die Fabrik ist der größte europäische Produzent von Tonerde. Von dort werden insbesondere europäische Primärhütten mit dem Rohstoff Aluminiumoxid beliefert, der für die eigene Herstellung in den europäischen Aluminiumhütten notwendig ist. Deshalb ist das Werk unverzichtbar für die Aluminiumoxid-Versorgung des europäischen Marktes. Sollte Aughinish kurz- oder mittelfristig keine Tonerde mehr liefern können, drohen Produktionsausfälle, die Stilllegung von Anlagen sowie eine kostenintensive und monatelang andauernde Wiederinbetriebnahme. Zudem wird die ganze auf Materiallieferungen angewiesene Werkstoffkette in Europa gefährdet.

Es drohen Versorgungs- und Lieferengpässe bei Rohaluminium bzw. Aluminiumoxid

Auch die deutsche Aluminiumindustrie befürchtet, dass sich durch die Sanktionen erhebliche Marktverschiebungen in Deutschland ergeben, die sich durch die gesamte Lieferkette ziehen könnten. Es drohen Versorgungs- und Lieferengpässe bei Rohaluminium bzw. Aluminiumoxid und Preissteigerungen, so die Berliner Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVMetalle). Denn im Jahr 2017 wurden 744.853 Tonnen Aluminium in Rohform (nicht legiertes) nach Deutschland importiert. Davon kamen 233.267 Tonnen aus Russland. Somit wurden 31 Prozent des gesamten im Jahr 2017 nach Deutschland eingeführten Rohaluminiums aus Russland importiert, ein großer Anteil davon durch Rusal. Auch auf europäischer Ebene sind die Lieferbeziehungen zu Russland intensiv. Russland ist mit knapp 1,6 Mio. Tonnen Rohaluminium der größte EU-Importeur.
Die WVMetalle geht davon aus, dass die Sanktionen einen erheblichen Einfluss auf die Handelsströme zwischen Deutschland/Europa und Russland haben werden. Die EU sei Netto-Importeur von Rohaluminium und Tonerde. Die Sanktionen könnten Marktverschiebungen für alle Marktteilnehmer zufolge haben, die in der gesamten Lieferkette zu spüren seien. Damit wären auch große Abnehmerbranchen wie die Automobilindustrie von den Auswirkungen betroffen, so die WVMetalle. Der Verband befürchtet, dass die Versorgungssicherheit und die Planbarkeit der Preisentwicklung nicht mehr sichergestellt sei, was zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber außereuropäischen Anbietern wie China, Indien oder den Golfstaaten gehen könnte.
In Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklungen wird die Versorgung der Märkte mit Aluminium im Jahr 2018 unsicherer. Die weltweit vorhandenen Produktionskapazitäten könnten zwar den weltweiten Bedarf an Aluminium bedienen, die künftig fehlenden Mengen an Tonerde dürften sich aber nur schwer und teuer ersetzen lassen. Denn auch Norsk Hydro, bisher einer der großen Aluminium-, Bauxit- und Tonerde-Lieferanten der Welt, hat höhere Gewalt erklären müssen. Alunorte, eine der größten Tonerde-Raffinerien Welt, kann derzeit nur mit halber Kraft arbeiten - ebenso die brasilianische Aluminium- Hütte von Norsk Hydro. Alles in allem waren die Aussichten zur Versorgung der Märkte schon einmal besser. Letztendlich müssen Weiterverarbeiter und die Abnehmerindustrien wie Automobil-, Bau oder Verpackungsindustrie die höheren Preise bezahlen, was weder im Interesse von Aluminiumherstellern noch der Kunden ist.


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